| Briefwechsel Merz - Birbaumer | |||||||
| 13. Februar 1998 Betr.:Nozebo, Desensibilisierung Bezug: Deutsches Ärzteblatt vom 16. Januar 1998 Sehr geehrter Herr Prof. Birbaumer, ich habe mit großem Interesse Ihren Aufsatz über MCS im Deutschen Ärzteblatt gelesen. Als Gutachter interessiere ich mich besonders für die praktischen Konsequenzen Ihrer Darlegungen. Deshalb bitte ich Sie, mir die folgenden beiden Fragen zu beantworten: 1. Sie nennen MCS eine Ausschlußdiagnose. Auf welche klinischen Erfahrungen greifen Sie dabei zurück?Sollte ich von Ihnen keine Antwort erhalten, gehe ich davon aus, dass Ihre Darlegungen hypothetischer Natur sind, und die von Ihnen vorgeschlagene Praxis erst die Richtigkeit Ihrer Thesen beweisen soll. Für Ihre Mühewaltung bedanke ich mich im voraus und verbleibe mit freundlichen Grüßen Dr. Tino Merz Antwort: 18. Februar 1998 Sehr geehrter Herr Merz, Besten Dank für Ihren Brief. MCS ist eine Ausschlußdiagnose, weil als erstes die nichttoxikologische Wirkung nachgewiesen werden muß. Der Noceboeffekt ist dem Placeboeffekt gleichzusetzen und daher nur im Doppelblindversuch nachzuweisen. Mit besten Grüßen N. Birbaumer 2. März 1998 Betr.: Noceboeffekt Bezug: Ihr Schreiben Sehr geehrter Herr Prof. Birbaumer, ich bedanke mich für Ihre rasche Antwort. Bezüglich Ihrer generellen Aussage: "Der Noceboeffekt ist dem Placeboeffekt gleichzusetzen und daher nur im Doppelblindversuch nachzuweisen." besteht Einigkeit. Meine Frage ging aber dahin, ob entsprechende Doppelblindstudien vorliegen, so daß die von Ihnen vorgeschlagene Therapieform als zwingend notwendig zu etablieren fr die medizinische Versorgung in der Bundesrepublik erscheint oder ob Ihr Beitrag im Deutschen Ärzteblatt so zu verstehen ist, daß Sie entsprechende Studien am Menschen vorschlagen, um einen von Ihnen als zwingend empfundene Theorie wissenschaftlich beweisen zu können? Für Ihre Mühewaltung bedanke ich mich im voraus und verbleibe mit freundlichen Grüßen Dr. Tino Merz Antwort: 26. März 1998 Sehr geehrter Herr Merz, Meines Wissens liegen keine kontrollierte Studien zum Nocebo-Effekt vor, ich habe dies nur vorgeschlagen, wie Sie richtig erkennen. Mit besten Grüßen N. Birbaumer 8. Juni 1998 Anaphylaxe Unsere Korrespondenz Sehr geehrter Herr Professor, anbei sende ich Ihnen die Referenzliste einiger Doppelblindstudien, die mir über den Weg gelaufen sind, als ich mich mit Humantoxikologie beschäftigt habe (dies nur um sicherzustellen, daß wir über das Gleiche reden). Dort werden Sie finden, daß es keineswegs so ist, daß nur über reale toxische Einwirkungen berichtet wird, sondern daß das Problem vielschichtiger ist. Außerdem werden Sie entdecken, daß bei sensibilisierten Personen Reaktionen auf Schadstoffexpositionen nachgewiesen werden konnten, die unterhalb der durchschnittlichen amerikanischen Exposition lagen. Die Klinische Ökologie hat ihre Anerkennung durch die amerikanische Arbeitsmedizin vor allem dadurch erhalten, als sich Ende der 80er Jahre herausstellte, daß die bisher angenommenen duldbaren täglichen Aufnahmemengen um Zehnerpotenzen zu hoch angesetzt waren. Die ursprünglich skeptische Arbeitsmedizinerin Grace Ziem sagt dies sehr deutlich: " Die Grenzwerte sind falsch." Deshalb frage ich Sie: Wie wollen Sie toxische Wirkungen überhaupt ausschließen? In Ihrem Aufsatz nennen Sie lediglich die Einhaltung der Grenzwerte. Ganz abgesehen davon, daß in diese teilweise Machbarkeitskriterien, Stand der Technik und Wirtschaftlichkeit ebenso eingehen wie Ableitungen aus toxikologischen Daten, ist die Anwendung dieser Daten auf den Menschen in der Regel falsch. Das liegt u.a. daran, daß nur wenige Menschen - nur 4% der Bevölkerung - ähnlich gute Metabolisierer sind wie die üblicherweise zum Einsatz kommenden Versuchstiere. Dies hat seinen Grund auch in Speichereffekten und vor allen Dingen in Kombinationswirkungen. Ich rede hier von Zehnerpotenzen. Darüber hinaus verändern sich die Toleranzen bei MCS dramatisch. In der Regel ist ein Bienenstich schmerzhaft, für manche nur lästig und für einige tödlich. Ganz ähnliche Schocks zeigen hochgradig Chemikaliengeschädigte auf geringste Expositionen. Ich möchte Sie also auffordern, von Ihrem Vorhaben abzusehen. Sie sagen ja selbst, es sei nur ein Vorschlag gewesen, der lediglich auf Analogieschlüssen beruht. Ohne praktische Erfahrung behaupten Sie, daß keine Lebensgefahr gegeben sei. Dem steht fünfzigjährige Erfahrung der Klinischen Ökologie gegenüber, aus der anderes abzuleiten ist. Mit Dank für Ihre Gesprächsbereitschaft verbleibe ich mit freundlichen Grüßen Dr. Tino Merz (keine Antwort) |
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